• Klaudia Frechen

Eigensinn




Ich lebe in meinen Träumen. Die anderen Leute leben auch in Träumen, aber nicht in ihren eigenen. Das ist der Unterschied. (Hermann Hesse)



Maria Al-Mana, die unter anderem die Blogs „Das Unruhewerk“ und „Mehr Eigensinn“ betreibt, hat mich gebeten, mich selbst auf ihrem Blog vorzustellen und meinen Eigensinn zu beschreiben.

Ein gar nicht so leichtes Unterfangen zu dessen Bewältigung ich viele interessante Texte gelesen habe und bei Hermann Hesse, einem meiner Lieblingsschriftsteller, hängen geblieben bin.


Danke, liebe Maria für diese wunderbare Denkaufgabe!



Was ist das? EIGENSINN?

Der Duden listet als Synonyme für Eigensinn Begriffe wie Sturheit, Unbelehrbarkeit, Trotz, Uneinsichtigkeit, Unnachgiebigkeit, Dickköpfigkeit, Borniertheit, Starrsinn, Querköpfigkeit. Selbst Obstination wird genannt.


Wikipedia beschreibt den Eigensinn wie folgt: Eigensinn (Eigensinnigkeit) ist eine Charaktereigenschaft, die durch das konsequente Beharren auf und Vertreten der eigenen, von Überzeugungen getragenen Meinung gekennzeichnet ist. Das zugehörige Adjektiv ist „eigensinnig". Eigensinnige Menschen besitzen zwar klare und feste eigene Meinungen und Überzeugungen und lassen sich nicht „verbiegen“, können aber durchaus anderen Meinungen gegenüber aufgeschlossen, wie auch (passiv) kritikfähig sein und ihre Meinungen und Überzeugungen überdenken und ggf. ändern, wenn sie durch gute Argumente überzeugt werden. Das unterscheidet Eigensinn von Starrsinn, Sturheit, Dickköpfigkeit oder Unbelehrbarkeit...


Aha! Unterschiedlicher könnte man den Begriff wirklich nicht interpretieren.

Und was davon bin oder war ich? War oder bin ich überhaupt irgendetwas davon?



Früher

Ich war nie eine ergebene Mitläuferin, aber - zumindest offiziell - weder ein Dickkopf noch starrsinnig. Denn als Kind hatte ich schnell gelernt, dass man besser das tat, was Erwachsene, Verwandte, Eltern u.a. von einem erwarteten.

Bravsein war die Devise.

So kam ich ganz gut über die Runden und fühlte mich wohl damit, die meiste Zeit keinen eigenen Sinn zu leben. Ein Leben, als der von Hermann Hesse beschriebene „Dutzendmensch“ lebte sich leicht dahin.


Doch je älter ich wurde, desto weniger reichte mir das Leben nach dem Maß anderer, desto mehr strebte ich nach eigenem Sinn.

Irgendetwas fehlte mir. Irgendetwas wollte gelebt werden.

Mir erging es wie Wolfgang Niedecken es in „Verdamp lang her“ beschreibt:


„Ich weiß noch, wie ich nur dovun gedräump hann,

Wovunn ich nit woss, wie ich et sööke sollt,

Vüür lauter Söökerei et Finge jlatt versäump hann

Un övverhaup, wat ich wo finge wollt.

Ne Kopp voll nix, nur die paar instinktive Tricks.

Et duhrt lang, besste dich durchblicks.“


Bevor ich mich also selbst durchblickte und überhaupt ansatzweise verstand, worum es mir im Leben ging, landete ich oft in der Nettigkeitsfalle, da ich versuchte den Anforderungen anderer gerecht zu werden.

Ich verbog mich und tat häufig Dinge, die ich besser nicht getan hätte.

Mir geht es da also wie den meisten: Hinterher ist man immer schlauer.


Ich versuchte in den Schuhen anderer Menschen zu laufen, deren Leben alle so wunderbar aufgeräumt und herrlich klar aussahen.

Sie schienen so zufrieden zu sein.

Aber wer in fremden Schuhen läuft, dem ist das Stolpern vorprogrammiert.

Und ich stolperte manches Mal, fiel auf die Nase.

Von Zeit zu Zeit tanzte ich aus der Reihe, wollte mich nicht in den ewig gleichen Rhythmus der anderen einfügen und wie in Trance durch mein Leben laufen.

Mein eigener Rhythmus wurde bestaunt, aber auch belacht und auch verachtet. Strauchelte ich, schauten viele peinlich berührt weg, in der Hoffnung durch mich nicht auch noch zu Fall zu kommen.


Mir schien, dass ich niemals so stark und wunderbar erfolgreich, so zufrieden sein würde, wie all diese anderen Menschen.

Fehler waren ihnen fremd.

Sie alle schienen zu wissen, was sie vom Leben zu erwarteten hatten und wohin sie wollten.

Aber vor allem wussten sie, wohin ich zu gehen und was ich zu tun hatte.



Heute

Irgendwann musste ich feststellen, dass meine Nettigkeit keine Garantie dafür war, dass man mich ebenfalls nett und fair behandelte bzw. mir Respekt entgegenbrachte. Was für die anderen galt, galt noch lange nicht für mich.

Meine Grenzen wurden nicht akzeptiert.

Als dies wieder einmal bis zur Spitze getrieben wurde, ich fassungslos vor einem riesigen Scherbenhaufen stand, passierte etwas ganz Wunderbares:

Ich lernte sehen.

Ich sah plötzlich hinter die Fassaden der herausputzten Häuser und entdeckte die Masken, die viele zur Schau trugen. Ich entdeckte die Realität der Menschen, die mir in meinem bisherigen Leben erstrebenswert erschienen war und wusste plötzlich:

Das will ich nicht. Das steht und passt mir nicht.


Endlich schaute ich mich einmal selbst an, nahm mich selbst ernst und entdeckte erstaunt ganze Welten in mir, die ALLE gelebt werden wollten.

Ja, gelebt werden mussten und müssen.



Ich will mehr EIGENEN SINN.

Seit ich mich zu mehr eigenem Sinn in meinem Leben entschieden habe, hat sich Vieles verändert.

Ich habe nur noch selten Blasen an den Füßen, weil ich meistens in meinen eigenen Schuhen durch das Leben laufe. Ich bleibe nicht mehr verzweifelt in Denksackgassen stecken, sondern finde immer einen Weg.

Entdecke Auswege.

Bleibe hier und da mal am Wegrand stehen, um eine Landschaft zu bewundern und lasse mich nieder, wo mich ein Grashalm oder eine Blume zu einem Gedicht inspiriert. Ich begegne Menschen und ihren Geschichten mit offenem Herzen, um mich berühren zu lassen und zu lernen.


Mein Weg. Mein Tempo. Mein Eigensinn. Mein Abenteuer.


Seit ich eigensinnig und mir selbst treu bin, wachse ich.


Es ist nicht leicht, dem Leben einen – meinen – Sinn zu geben. Ich kämpfe fast tagtäglich darum, nicht im Alltag unterzugehen und meiner Lebensidee eine Chance zu geben.

Außerdem macht Eigensinn allein, denn das Gros der Menschen mag sich mit den wenig Angepassten, den Anderen nur ungerne abgeben. Das ist zu anstrengend. Mitläufer sind da definitiv beliebter.


Nichts desto trotz bin sehr glücklich, endlich ein Gefühl für mich und meine eigenen Bedürfnisse zu haben, mich endlich selbst ernst zu nehmen.


Ich glaube nicht, dass ich meinen ganz persönlichen eigenen Sinn schon gefunden habe. Aber das macht nichts, denn der Weg ist das Ziel.

Hermann Hesse sagt:


„Der Weg vom Suchen zum Finden ist nicht gerade, und Wille und Vernunft genügen nicht, um ihn zu gehen. Man muß horchen, lauschen, warten, träumen können, Ahnungen offenstehen. Mehr weiß ich nicht.“



Masse oder Eigensinn?

Ich möchte hier gar nicht das Leben in der Masse verteufeln.

Auch das hat bestimmt seinen Reiz – nur nicht für mich.

Ich glaube, dass jeder seinen eigenen Lebensweg finden muss.

So wie jeder Mensch einzigartig ist, so ist auch sein Lebensweg einmalig.

Wer lieber nach den Gesetzen vieler lebt, wer aus der Gleichheit ein Vergnügen zieht, dem sei dies gegönnt.


Hesse glaubt, dass Eigensinnige und andere Menschen zusammen gehören, wie alle bipolaren Vorgänge, wie das Ein- und Ausatmen. Das eine kann ohne das andere nicht sein.

Aber er meint auch:


„Ihr seid aber da, um ihr selbst zu sein.

Ihr seid da, damit die Welt um diesen Klang, um diesen Ton, um diesen Schatten reicher sei…


Sagen Sie Ja zu sich, zu Ihrer Absonderung, Ihren Gefühlen, Ihrem Schicksal! Es gibt keinen andern Weg.

Wohin er führt?

Ins Leben…“



Vielleicht habt Ihr ja Lust von Euren Erfahrungen mit dem Eigensinn zu berichten?! Seid Ihr eigensinnig? Oder lieber nicht? Wenn ja: worin zeigt sich Euer Eigensinn? Wenn nicht: warum nicht?

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