• Klaudia Frechen

Die große Warteschleife




Im Moment scheint sich die ganze Welt in einer Warteposition zu befinden.

Wir warten auf das Ende der Pandemie, darauf geimpft zu werden. Wir warten darauf, dass uns irgendjemand sagt, was wir tun sollen, um die dritte Welle zu brechen.

Wir warten darauf, dass Corona-Leugner endlich der Wahrheit ins Auge blicken und sich solidarisch verhalten. (Man soll die Hoffnung nie aufgeben!)

Wir warten darauf, endlich wieder in einem wunderbaren Restaurant mit Freunden feiern oder ein Konzert besuchen zu dürfen.

Wir warten …


Seit mehr als einem Jahr befinden wir uns in einer Warteschleife, von der wir damals noch hofften, dass sie viel kleiner ausfiele, als sie es nun tatsächlich ist und so jammern viele von uns über das ewige Warten auf all das, was das alte Leben ausmachte.


Aber mal ganz ehrlich: Warten wir nicht schon unser ganzes Leben lang auf irgendetwas?

Als Kinder warten wir erst darauf in den Kindergarten und später in die Schule gehen zu dürfen. Dort warten viele sehnsüchtigst darauf, dass diese Zeit endlich zu Ende geht und sie erwachsen werden. Man wartet darauf, das erste Glas Sekt trinken zu dürfen, das Studium oder die Lehre zu beenden und endlich richtig Geld zu verdienen, weil dann alles anders wird.


Meistens wird daraus nichts, denn wir warten weiter.

Wir erwarten den nächsten Urlaub, die nächste Gehaltserhöhung, darauf ein Haus bauen zu können und ein größeres Auto, als der Nachbar zu fahren. Wir hoffen darauf, endlich geliebt zu werden. Später hoffen wir, aus der Tretmühle aussteigen zu können, in der wir stecken, um endlich zu leben.


Ich gebe zu, dass dieses andere Warten außerhalb der Pandemie angenehmer war, als das jetzige. Man wusste, dass die Schule irgendwann zu Ende sein würde und man dem einen Lehrer, der einen auf dem Kieker hatte, entkommen würde.

Wir wurden für unsere Geduld belohnt.

Das Warten in der Pandemie ist frustrierender, weil das Ende des Tunnels nicht wirklich absehbar ist und niemand weiß, was nach der Pandemie kommt bzw. wie die Belohnung aussehen wird.

Wird dann alles wie früher? Und: möchten wir das überhaupt?

Und außerdem weiß man ja nicht: Steckt man gerade in der Mitte des Dramas fest und hat somit noch einen ziemlich weiten Weg vor sich oder hat man das Schlimmste schon hinter sich, so dass das Ende jeden Moment in Sicht kommt.


Mir ist das jetzt egal!

Ich warte nicht mehr!

Mich hat diese endlos erscheinende Lehrstunde des Lebens mit dem Titel „Corona-Pandemie“ eines gelehrt:

Lebe! Jetzt! Nicht morgen oder nächste Woche. Jetzt!

Denn wer weiß schon, was nächste Woche ist.


Ich will mein Leben nicht mehr - weder in der Pandemie noch sonst wann - als eine einzige große Warteschleife oder im „Wenn-Dann…- Modus“ erfahren.

Ich höre auf, eine brillante Zukunft vorzubereiten, in der sich all meine Träume erfüllen. Ich bin fast 60 Jahre alt – wird es da nicht Zeit sie endlich zu leben - diese Zukunft? Wenn es sein muss pandemiekonform?


Ich bin so oft in meinem Alltagstrott gefangen, dass ich den Moment, den Augenblick gar nicht wahrnehme. Ich stelle morgens eine To-Do-Liste auf, deren Punkte ich über den Tag verteilt abarbeite. Da finden sich Dinge wie „Wäsche waschen“, „Kind zur Schule fahren“, „Artikel für P.E.“, „mit Hund zum Arzt“ oder auch nur ein Stichwort wie „Überweisung“ oder „Text“.

Das Leben, mein Leben, vergesse ich über das Abarbeiten der täglichen Routine, denn ich erlebe und erledige alles mit wenig wachem Geist und ohne viel Energie.

Habe ich den einen Punkt erledigt, konzentriere ich mich auf den nächsten.

Dieser Lebensautomatismus, das Abhaken der Stunden, lässt mich zu einem hirnlosen Zombie mutieren.

Ich funktioniere. Mehr nicht.

Das war schon vor Corona so.

Mein Leben ist fast so wie ein Kleid, dass man nur zu besonderen Anlässen anzieht und das manchmal fast ein ganzes Jahr im Schrank hängt und darauf wartet ans Tageslicht geholt zu werden.


Im Hier und Jetzt zu leben, nicht mehr darauf zu warten, dass der richtige Zeitpunkt kommt, ist leichter gesagt als getan. Ich beginne damit Worte wie „Irgendwann“ oder „nächstes Jahr“ aus meinem Wortschatz zu streichen.


Ich warte nicht mehr darauf, dass mir irgendjemand den nächsten Lockdown befielt.

Ich werde selbst zum Wellenbrecher. Jetzt.

Mit Freunden treffe ich mich online zum Candlelight-Dinner bei einem gutem Essen und einem herrlichen Wein. Heute Abend – versucht es mal! Es ist wunderbar!

Ich verabrede mich zu einer Onlinelesung, bei der einer meiner Bekannten aus einem Buch seiner Wahl liest und wir alle anschließend darüber diskutieren – online.

Ich mache Sport vor dem Laptop und draußen in der Natur. Heute steht mal wieder Walken auf dem Plan. Mein Gesangscoaching findet auch online statt, funktioniert wunderbar und belebt mich, wie kaum etwas anderes!


Anstatt weiter von einem Leben zu träumen, mache ich das Beste aus der Situation, halte es wie Pipi Langstrumpf und „mache mir die Welt widde widde wie sie mir gefällt“.

Jetzt!

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