• Klaudia Frechen

Das Ende einer Ewigkeit



Ihr Herz schlug wild, hüpfte ihr fasst aus der Kehle.

Sie konnte es nur zu gut verstehen!

Verzweifelt versuchte es dieser entsetzlichen Leere zu entkommen, die so weit und tief war wie ein Ozean. Nicht zu füllen mit Gedanken und erst recht nicht mit Schokolade, Eiscremes, Schlagsahne und Erdbeeren.

Rotwein versickerte irgendwo in ihr und hatte nichts Berauschendes oder gar Beruhigendes mehr.

Was war schon ein Tropfen in einem Ozean von so verzweifelt abyssalen Ausmaßen?

Sie hatte es mit allem versucht ohne den Hunger auf das stillen zu können, was sie verloren hatte und von dem sie zunächst nicht begriff, dass es gegangen war, ohne sich zu verabschieden und einen Blick zurückzuwerfen.

Nur ein Schatten dessen, was einmal war, hatte sich neben ihr niedergelassen und schnürte ihr erstickend die Kehle zu.

Es kam nicht plötzlich.

Sie hätte die Zeichen deuten können und wissen müssen, dass sie irgendwann der Atem und die Kraft verlassen würde. Dass sie sich selbst verlieren würde.

Vielleicht wären sie jetzt noch nicht am Ende ihrer beider Ewigkeit angekommen, wenn sie zwischendurch einmal verschnauft hätte. Kraft getankt hätte. Nicht das getan hätte, was so viele Frauen tun: Das bunte Bild von sich und ihren eigenen Wünschen ausradieren und es durch eine graue Bleistiftzeichnung, amateurhaft und wenig detailverliebt mit wenigen Strichen von anderen erstellt, ersetzen.


Sie hatten sich gegenseitig die Gläser übervoll mit Glück gefüllt.

Immer wieder.

Sie tranken gierig und berauscht von einander wie Süchtige.

Tagtäglich glitten sie, staunend über das unvorstellbar große Glück einander gefunden zu haben, Hand in Hand mit ausgebreiteten Flügeln über den Wolken dahin.

Ihre Liebe duftete mal nach Rosmarin und Lavendel, dann nach frisch gepflückter Zitronenmelisse oder verströmte den schweren Duft von Flieder und wilden Rosen.

Sie erlebten Tage und Nächte voll ungeahnter Möglichkeiten.

Zu zweit machten sie das Unmögliche möglich und griffen nach den Sternen.

Sie entdeckten sich gegenseitig, kosteten alle Nuancen ihres Seins, schwelgten in ihrem Paradies und konnten oft ihre eigene plötzlich erwachte Vielfalt kaum fassen.


Sie wusste nicht mehr genau, wann das Warten begonnen hatte.


Es kam plötzlich und unerwartet und traf sie mit der Wucht eines Panzers.

Plötzlich, ohne Vorankündigung hatte er sich zurückgezogen.

Nichts hatte sie auf die plötzliche Einsamkeit vorbereitet, die die Jahre der Zweisamkeit abrupt beendete. Sie stolperte verwirrt über seine unerwartete Abwesenheit und stürzte ins Bodenlose. Sie schrie und weinte, verzweifelte.

Neben der alles dominierenden Frage nach dem "Warum" türmten sich Fragen über Fragen vor ihr auf, deren Antworten ihr verborgen blieben.


Als er ebenso plötzlich wie er gegangen war, zurückkam, war alles anders.

Er war es plötzlich, der entschied, wann sie sich sahen und Zeit für ihre Unendlichkeit war.

Sie begann zu warten: auf ihre gemeinsamen Urlaube und in der Zeit zwischen den Urlauben auf einen Tag, eine Nacht, eine Stunde, ein Telefonat, eine Mail, eine SMS.


Er hatte immer viel zu tun.

Die Arbeit!

Seine Arbeit!

"Du verstehst das doch!?"

Nein, sie verstand nicht.

Sie fühlte sich wie ein Besen, benutzt und in die Abstellkammer gestellt, wenn man ihn nicht mehr brauchte.

Sie litt genauso leidenschaftlich wie sie liebte.

Dann bettelte und flehte sie ihn an.

Immer wieder.

Immer sinnlos.

Um einen Tag, eine Nacht, eine Stunde, ein Telefonat, eine Mail, eine SMS- ein Wort.


Sie bezwang ihre Hingabe zum Leben und Lieben, zur Sinnlichkeit und zum Lachen und sperrte dieses herrlich ungezähmte Tier in den Käfig seiner Stille und ihrer Mutlosigkeit.

Kraftlos an die kalten Gitterstäbe gelehnt, sah sie sich selbst entsetzt dabei zu, wie sie diese wunderschöne, geschmeidige Katze, die in ihr wohnte, zähmte und ihr alle Wildheit und Weiblichkeit austrieb, weil sie die überwältigende Intensität ihrer selbst ohne ihn nicht zu ertragen glaubte.


Dann war er plötzlich wieder da- jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde.


Aber schnell ließ er sie wieder am Wegrand ihrer beider Leben wochenlang zurück ohne ein einziges Mal nach ihr zu sehen, bis sich der Wind wieder drehte und ihn zu ihr zurückwehte. Gerade noch rechtzeitig bevor sie in ihrer Einsamkeit und in ihren Tränen ertrank.


Er kehrte immer wieder zu ihr zurück.


Ihre Liebe verharrte lange festgezurrt, mit leerem und gebrochenem Blick, in der Ecke ihres Käfigs und verblasste immer mehr zu einem vagen, kaum noch wahrnehmbaren Nebel.


Und als der Wind ihn wieder einmal zurück in ihre Richtung blies, wehte ein leiser, so sanfter Hauch das Vage des Gewesenen versehentlich davon, bevor er oder sie es noch hätten halten können und hinterließ zwischen den Gitterstäben nichts weiter als eine große Leere und den Schatten ihrer selbst.

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