• Klaudia Frechen

Anna 2



Endlich floss der Verkehr zügiger.

Während Anna Tunnel durchquerte, die sich immer wieder in Berge fraßen, Autos verschluckten und am anderen Ende ausspukten, dachte sie darüber nach, wo sie am besten übernachten sollte.

Da die Vorstellung die Nacht auf einem Autobahnrastplatz zu verbringen wenig reizvoll war, entschied sie sich, in der Nähe von Annecy mit seinem herrlich türkisblauen See zu kampieren und wenigstens ein paar Stunden zu schlafen, bevor sie am frühen Morgen Richtung Nîmes weiterfuhr.

Die Straßen von Annecy waren wie immer hoffnungslos überfüllt.

Sie konnte sich nicht erinnern, diese Stadt irgendwann einmal anders erlebt zu haben. Autos schienen völlig wahllos aus allen Ecken und Enden auf sie zu zusteuern.

Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie dringend sie eine Pause brauchte, da sie kaum noch in der Lage war, in dem herrschenden Chaos den Überblick zu behalten.

Kreuzungen machten ihrem Namen alle Ehre. Hier standen Autos, Busse, LKW oder Motorroller kreuz und quer, teilweise eingeklemmt und verkeilt, so dass keine Bewegung mehr möglich war.

Irgendwann gelang es Anna sich aus dieser Blechumklammerung zu befreien und schrittweise voran zu kommen.

Sie fuhr westlich um den Lac d´Annecy herum, an der Promenade vorbei, und versuchte sich mit angestrengt gerunzelter Stirn auf den Verkehr zu konzentrieren und sich nicht von der Schönheit des Sees ablenken zu lassen.

Er prunkte zu ihrer Rechten und warb mit seinen unglaublichen Farben um ihre Aufmerksamkeit.

Ein unwirkliches Türkis, mit weißen Tupfen übersät, leuchtete ihr entgegen.

Boote dümpelten träge vor sich hin oder schossen über den Spiegel des Sees.

Überall lärmten Menschen im kalten Nass und genossen die spritzig, frische Abkühlung nach der langen Zeit der Corona-Einschränkungen.

Erst weit außerhalb der Stadt fand sie an der Straße, die direkt an den Ufern des Sees entlang führte, einen Parkplatz.

Sie stieg mit steifen Gliedern aus ihrem alten Volvo aus, nahm ihre Tasche mit Proviant für den Abend aus dem Kofferraum und ließ sich stöhnend auf den Steinen der Uferböschung nieder.

„Geschafft! Bis hierhin schon mal geschafft!“, dachte sie, als sie ihre Schuhe auszog und ihre Füße ins kalte, klare Wasser des Sees streckte. Ein Prickeln durchfuhr ihren Körper und lief ihre Wirbelsäule empor. Trotz der Hitze breitete sich über ihren ganzen Körper eine Gänsehaut aus. Sie schloss ihre Augen, legte ihren Kopf in den Nacken und seufzte laut. Minutenlang saß sie so am See und lauschte der ausgelassenen Urlaubsfreude um sich herum und den Wellen, die sacht ans Ufer plätscherten. Sonnencremeduft. Wasser. Frankreich. Endlich!

Und nur langsam tropfte es in ihr Bewusstsein, dass sie am Beginn ihres Traumes stand. Es schien ihr eine Ewigkeit her, so stolz und glücklich gewesen zu sein, wie gerade jetzt.

Sie tat es tatsächlich! Sie machte all das wahr, was sie sich seit Monaten in den herrlichsten Farben ausgemalt hatte. Sie befand sich mitten in ihrem ganz persönlichen Abenteuer.

Aber wenn sie ganz ehrlich mit sich selber war, so musste sie sich eingestehen, dass ihre Phantasie nicht mit der Realität konkurrieren konnte, die mit allem punktete, was sie zu bieten hatte und Annas Kopfkino weit hinter sich ließ.


Anna hob den Blick, lächelte und bestaunte die herrliche Landschaft, während sie mit den Füßen im kalten Nass plantschte.

Die nun schon tiefstehende Sonne spielte mit den kleinen Wellen und brachte sie alle zum Glitzern. Das Licht tanzte, wie all die kleinen weißen Boote oder Jachten, auf den Wellenkronen hin und her oder sprang von einer Welle zur nächsten. Bald schon würde die Sonne hinter den hohen Bergen versinken, die den See umstanden. Aber noch genoss sie ihre wärmenden Strahlen, die das Tal mit ihrem goldenen Glanz überzogen und ihr von der trägen Hitze des Tages erzählten.


Langsam leerten sich die Plätze neben ihr.

Franzosen und internationale Urlauber verabschiedeten sich vom See, um zu ihren Hotels oder zu einem der unzähligen Campingplätze zurückzukehren.

Später würden sie den Abend, frisch geduscht und herausgeputzt in ihrer neuesten Urlaubs-Abend-Garderobe genießen. Bars, Restaurants und Diskotheken, die es hier zu Hauf gab, hatten alle wieder geöffnet und boten den Touristen Unterhaltung bis früh in den Morgen hinein.


Vor ein paar Jahren verbrachten sie und Georg auf ihrer Rückreise aus dem Süden Frankreichs ein paar Nächte in einem der teuersten Hotels am See. Ein Luxus, den sie sich einmal gönnen wollten. Damals ärgerte sie sich über die unglaubliche Arroganz des Personals, das vornehmer als die Gäste des Hotels umherstolzierte. Sie zahlten einen horrenden Preis für Nächte, in denen sie nicht schlief, weil andere Urlauber die Nacht zum Tag machten und am See herumlärmten.

Nach diesen wenigen Tagen schwor sie sich, lieber im Auto zu übernachten, als sich das noch einmal zu zumuten.

So fuhr sie, als es zu dämmern begann, immer noch voller Glück grinsend, zu „ihrem“ Übernachtungsplatz. Sie hatten ihn auf einer ihrer Fahrten in Richtung Süden entdeckt. Er lag in der Nähe eines Landeplatzes für Drachen- und Gleitschirmflieger direkt an einem kleinen Bach, der den See mit Frischwasser speiste. Natürlich war freies Campen hier, wie überall, verboten. Aber bisher bewiesen die Einheimischen den Touristen gegenüber Toleranz und grüßten freundlich, wenn sie an ihnen vorbeispazierten.


Sie bog in den holprigen Weg ein und ärgerte sich sofort, sich so viel Zeit gelassen zu haben. Die besten Parkplätze belegten große Wohnmobile, so dass ihr nichts anderes übrig als ans Ende der Reihe zu fahren, um mit ihrem Volvo das Schlusslicht der langen Reihe von Parkenden zu bilden.


Anna streckte sich und gähnte genüsslich, als sie vor ihrem Auto stand.

„Gerade erst in Annecy gelandet?“, fragte ein Unbekannter in die Stille hinein.

Er parkte vor ihr und hatte es sich vor seinem Wohnmobil mit Camping-Stühlen und einem Tisch bequem gemacht. Die Beine auf den Tisch gelegt, trank er Weißwein aus einem Senfglas, was Anna sehr sympathisch fand.

Sie schnappte sich eine Flasche mit lauwarmen Wasser, nahm einen großen Schluck und verzog das Gesicht, bevor sie antwortete.

„Ja, leider! Ich hatte geplant, heute Abend viel weiter im Süden zu übernachten. Aber die Schweiz erfreute wieder alle Urlauber mit einem Stau.“

„Ja, so ist die Schweiz! Immer zuverlässig“, grinste ihr Gegenüber. „Aber ich versichere ihnen, dass es morgen, am Samstag, hier in Frankreich noch schlimmer wird.“

„Da haben sie wohl Recht! Vielleicht sollte ich mir das Weiterfahren auch bis übermorgen aufheben!“, grübelte Anna vor sich hin, „ Daran hatte ich ja gar nicht gedacht. Mir ist die Lust auf noch mehr Stau gehörig vergangen! Vor allem auf mehrere hundert Kilometer Stillstand ohne Klimaanlage.“

Ihr Nachbar warf einen Blick auf den Volvo.

„Ihr Wagen hat keine Klimaanlage? So alt ist er doch noch gar nicht.“

„Nein, nein! Er hat eine Klimaanlage. Aber sie funktioniert nicht richtig. Man hat die Wahl zwischen Eisbein und Eisfingern oder Sauna. Ich entscheide mich, wie man sieht, meistens für die Sauna.“

„Wein zur Abkühlung?“, fragte der Fremde und grinste, „Ist besser als warmes Wasser.“

Anna ließ sich gerne einladen und wenig später diskutierten sie das Für und Wider einer Weiterfahrt am Samstag.

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