• Klaudia Frechen

Anna 1


„...I just want your extra time and your … kieehissss…“, Anna sang den Song von Prince, der ihr aus den Lautsprechern des Autos entgegendröhnte, lautstark mit. Nebenbei bedachte sie das Lenkrad mit ein paar Taktschlägen und die sommerwarme Schweizer Luft mit ein paar laut schmatzenden Küssen.

Am liebsten wäre sie ausgestiegen, um zwischen den Autos zu tanzen, die vor, hinter und neben ihr standen.

Schweiz, Niederlande, Deutschland, Österreich.

Ab und an Schweden oder Dänemark.

Ein Vielvölkergemisch.

Autos, Stoßstange an Stoßstange. Aufgereiht, wie akkurat aufgezogene, bunte Perlen einer Kette, die sich das Land heute umgelegt hatte und die hier und da in der Sonne glitzerte. Eine Blechlawine von Leidensgenossen, die alle in dieselbe Richtung unterwegs zu sein schienen wie sie.

Urlauber mit und ohne Kinder und bis unters Dach vollgepackten Autos standen neben Handwerkern, Bussen, LKW oder Geschäftsleuten in der prallen Sonne und träumten (wenn sie sich nicht gerade entnervt zankten) von freien Straßen oder dem Ankommen in vierzehn Tagen Freiheit vom Alltag.

Vor ihr lieferten sich gerade zwei Kinder einen erbitterten Kampf mit ihren Stofftieren. Hund gegen Bär. Ein unfairer Kampf, bei dem der Hund den Kopf verlor und die Besitzerin des nun Kopflosen die Nerven. Offensichtlich versuchte sie dann ihrem Sitznachbarn Gleiches widerfahren zu lassen und zerrte ihm wild an den Haaren.

Im Auto nebenan paffte ein Schweizer Geschäftsmann, in steifem Hemd und mit Krawatte, den Qualm seiner Zigarette in die saubere Schweizer Luft, die mit ihren blank geputzten und ordentlich auf hellem Blau sortierten Wattewolken jedes Werbeprospekt in den Schatten stellte. Er telefonierte mit hochrotem Kopf und mit missgelaunt gerunzelter Stirn. Zwischendurch zog er immer wieder hektisch an seiner Zigarette oder ruckelte an seiner Krawatte herum.

Sein Autofenster glitt lautlos herunter.

Er sah sie wichtig an und brüllte gegen den weiterhin kreischenden Prince und gegen Annas Versuche an, dieselben stimmlichen Höhen zu erreichen.

„Chkönnen sie nicht etwas leiser singen oder ihr Fenster schließen?! Ich versuche, zu telefonieren!“

„Waaas …?“, rief Anna zurück.

Der Schweizer verdrehte die Augen und machte ein Zeichen, dass sie die Lautstärke herunterdrehen sollte. Sie lächelte ihn an und tat ihm den Gefallen. Schnell warf sie ihm eine Kusshand zu, bevor sie zwei Meter weiterrollte und dann wieder in der Schweiz herumstand, anstatt zügig in Richtung Ziel voranzukommen.


Anna hatte keine so übersichtliche Freiheit vor sich, wie die meisten anderen hier im Stau. Eine bescheidene, kurze Freiheit, die sie schon Mitte der ersten Woche die Tage vor dem vermeintlichen Ende ihrer Sommerträume zählen ließen.

Anna gönnte sich eine kleine Ewigkeit in einem Paradies - ihrem Paradies - in Frankreich.


Nachdem sie fast ein ganzes Jahrzehnt um die Liebe ihres Mannes Georg gekämpft und diesen Kampf - nein, nicht etwa gegen eine Geliebte, sondern gegen seine Firma - endgültig verloren hatte, schenkte sie sich ein eigenes Leben. Irgendwann in den letzten Jahren hatte sie es im Getriebe ihres Alltags, ihrer eigenen Geschäftigkeit und in ihrer vermeintlich glücklichen Ehe verloren. Sie funktionierte, wie das perfekte Rädchen im Getriebe anderer und ihres Jobs. So perfekt, dass sie sich im Spiegel manchmal nicht wiedererkannte. Oft stand sie lange vor ihm und suchte nach etwas Bekanntem, nach etwas, das wie sie selbst aussah. Meistens suchte sie vergeblich. Manchmal aber blitzte etwas für Sekunden auf, in dem sie sich erkannte, sich spürte und das sie gerne festgehalten hätte.

Sie wollte diesem „Etwas“ endlich die Gelegenheit, den Raum und die Zeit geben, sich für mehr als nur für wenige Sekunden zu zeigen.


Mit 60 Jahren fuhr sie zum ersten Mal alleine in Urlaub und freute sich darüber, dass die Angst, die weite Fahrt alleine nicht zu bewältigen, nun da sie mitten im Abenteuer „Leben“ steckte, völlig verflogen war. Endlich erfüllte sie sich ihren Traum von vier Jahreszeiten im Süden Frankreichs. Bisher hatte sie immer nur den Sommer dort erlebt. Aber nun würde sie erfahren, in welche Farben der Herbst die Natur kleiden und welchen Duft die Erde zu dieser Jahreszeit verströmte. Wie verbrachte man dort den Winter und begeisterte der Frühling sie genauso wie der Sommer?


Nun da Prince nur noch leise vor sich hin sang, ergriff Annas Magen die Chance sich bemerkbar zu machen und von seinen Träumen zu berichten. Er sprach von Hunger und Durst. Und das mindestens so eindringlich wie Prince von seiner Sehnsucht nach dem Kieehiiieess.

In einem Land, indem ein Essen im Imbiss auf der Autobahn ungefähr genauso viel kostete wie ein Gourmetessen in jedem anderen Land der Welt, musste es allerdings gut überlegt sein, ob man diesem Drängen nachgab oder lieber mit knurrendem Magen weiterfuhr. Schließlich waren ihre Ressourcen nicht unerschöpflich. Leider ließ ihr Magen alle Argumente gegen einen Stopp nicht gelten und randalierte weiter, bis sie endlich die nächste Ausfahrt zu einem Autobahnrestaurant ansteuerte und es sich mit einem Sandwich auf einer Bank in der Sonne bequem gemacht hatte.

Während sie versuchte aus dem, was sie in der Hand hielt irgendeine Geschmacksrichtung herauszuschmecken, eigentlich Käse-Ei, beobachtete sie die Menschen, die schlecht gelaunt an ihr vorbeiliefen. Sie wirkten eher so, als näherten sie sich mit jedem gefahrenen Kilometer ihrer eigenen Kreuzigung. Vierzehn Tage ohne Zahlen, ohne Kollegen oder Werkzeug. Bestimmt versteckten viele wenigstens ein Tablet in ihrem Koffer, das sie wie eine Nabelschnur weiterhin mit allen lebenswichtigen Informationen versorgte und die Verbindung zum Job, der Firma oder dem Geschäft, aufrechterhielt – so wie es Georg immer gemacht hatte.


Es gab aber auch Familien, die gut gelaunt lächelnd in Richtung Raststätte hüpften. Sie schienen das Ende der Pandemie genauso sehr zu feiern wie Anna.


Drei Jahre hatte es neben Corona kaum ein anderes Thema im Leben der Menschen gegeben. Bilder von einsam auf Intensivstationen Strebenden, die die nüchternen täglich gemeldeten Zahlen von Infizierten und Toten grausame Realität werden ließen, brannten sich in Annas Seele. Impfchaos. Coronaleugner. Virusmutationen… Die gesamte Situation machte Anna zu einem hirnlosen Zombie. Sie schaltete ab und kämpfe sich alleine durch diese zähe Zeit hindurch. Georg hielt weiterhin die Firma am Laufen und interessierte sich nicht einmal am Rande dafür, was seine Frau erlebte, fühlte oder dachte. So meisterte sie einen Tag nach dem anderen alleine und hoffte jeden einzelnen darauf, bald wieder freier atmen zu können.

Als sie all das Bedrückende fast zu Boden warf und Georg immer noch nicht ihre Hand ergriff, ließ sie los, was längst nicht mehr festzuhalten war und reichte die Scheidung ein.



Anna-2 folgt.

30 Ansichten