• Klaudia Frechen

Anders




Mal wieder lag ich wach in meinem Bett und konnte wie so oft nicht schlafen. Auch wenn mein Körper müde war, den Schlaf suchte, so jagten meine Gedanken doch in rasender Fahrt durch meinen Kopf. Alle Versuche sie zu stoppen misslangen gründlich.

Vielleicht würde ja ein heißer Tee mit diesem wunderbar sanften Zitronenblüten-Honig, den ich für einen horrenden Preis unten im Tal erstanden hatte, den Schlaf zurückerobern können.

Wenige Minuten später saß ich bei Kerzenlicht mit einem heißen und vielversprechend duftenden Tee in der Küche am Tisch.

Beine hochgelegt.

Wie immer.


Ein Winter-Vollmond schien durch das Fenster und erhellte die Küche mit seinem kalten Licht mehr als es das warme, freundliche Licht der Kerze meines Adventskranzes vermochte und lockte meinen Blick nach draußen.

Die Welt dort draußen war in ein stilles, silbernes Licht gehüllt, das alles wie erstarrt erscheinen ließ. Verwunschen. Verzaubert.

Die Eiskristalle des Schnees glitzerten in die helle Nacht hinein und den Gestirnen entgegen. Sie wirkten fast wie gefallene Sterne, die ihren Verwandten hoch oben am Himmel stumm zuwinkten.

Die Sträucher trugen weiße Mützen und schienen sich in sie hinein zu kuscheln, um sich vor der Kälte zu schützen.

Kein Windhauch bewegte die mit Eis und Schnee überzogenen Bäume oder Gräser.


Was für eine unwirkliche Spiegelwelt sich mir dort draußen doch zeigte.

Ich fühlte mich wie ein Voyeur, dem plötzlich Einblick in ein unbekanntes, faszinierendes und zauberhaftes Universum gewährt wurde.

Kalt und leblos wirkte dort alles auf den ersten Blick. Genauso wie das Licht des Wintermondes.

Aber war es das tatsächlich? Kalt und leblos?

Vielleicht war es auch einfach nur eine andere Art der Stille, die ich nicht verstand.


Ich wünschte mir, hinübertreten zu können zu diesen glitzernden Schatten. Ins silberne Licht. Vielleicht würden meine Gedanken dann ja genauso ruhig, wie alles dort draußen. Vielleicht würde ich verstehen.

Und wirklich: Je länger ich der winterlichen Stille draußen lauschte, desto mehr sprach sie zu mir. Ich verstand, dass dies dort draußen kein Erstarren, nichts Kaltes und Lebloses war, sondern ein andächtiges Schweigen. Fast schon majestätisch.

Die Welt hielt den Atem an, wartete, lauschte, machte sich bereit.


Advent. Weihnachten stand vor der Tür.

Und die Welt tat das, was sie immer schon tat: Sie hüllte sich in ein feierliches Gewand und besann sich auf das, was da kommen sollte.


Ich entschloss mich ihrer Stille, die mir so beredt und wohltuend in den Ohren klang, zu folgen und mich nicht wie sonst jedes Jahr der Hektik der Menschen anzuschließen. Ich wollte mich nicht in Einkaufsstraßen in die langen Schlangen vor den Kassen einreihen und mich von Duftwolken aus viel zu viel Parfüm, verschwitzten Leibern in zu dicken Wintermänteln und Glühwein einhüllen lassen, um noch das letzte Geschenk zu ergattern. Diesmal würde es kein großes Festessen geben, das nur die anderen genossen, während ich nervös darauf hoffte, dass es auch ja mit seinen edlen Zutaten dem großen Fest entsprach und mundete.

Diesmal fiel das Fest der Geschenke aus.

Stattdessen sollte es eine Feier der Liebe und des Lichts geben.

"Stille Nacht, heilige Nacht".

Ich wollte das Licht der Welt, von draußen vor den Fenstern, das mir erst so kalt erschien und mich nun da ich es verstand so wohlig von innen wärmte, hüten, damit ich es Weihnachten - und darüber hinaus - in die Welt tragen konnte.

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