• Klaudia Frechen

Am Ende des Tages




Wieder hatte Ina die halbe Nacht vor Schmerzen nicht schlafen können.

Dabei hatte sie so sehr darauf gehofft, endlich Ruhe zu finden vor dieser elenden immerwährenden Pein, die ihre Schulter und den gesamten rechten Rücken zu einem Stein machte.

Der Arzt hatte gesagt, sie solle sich schonen und ihre Schulter nicht zu sehr belasten.


Wie sollte sie das anstellen? Schließlich hatte sie zwei Kinder und einen Mann, die versorgt werden wollten. Der Garten und das Haus machten sich auch nicht von alleine. Und sollte sie etwa wegen dieser verrückten Schmerzen ihren Job in der Spülküche vom »Roma«, einer Pizzeria in der Stadt, verlieren?

Dieser Arzt hatte auch gemeint, dass sie mit den Schmerzen übertreibe.

So schlimm könne das gar nicht sein.

Im Allgemeinen mache die Veränderung am Sternoclaviculargelenk, dem Gelenk zwischen Brust- und Schlüsselbein, keine Probleme.

„Wahrscheinlich hat er Recht. Ich übertreibe mal wieder“, dachte sie.


Mühsam drehte sie sich auf die linke Seite und setzte sich leise seufzend im Dunkel des Schlafzimmers auf, um Ralf, ihren Mann, nicht zu wecken.

Wie gerne würde sie, so wie er, noch liegen bleiben.

Aber daran war gar nicht zu denken. Wie jeden Tag.

Um ihr Pensum zu schaffen, müssten ihre Tage 34 Stunden haben.

Da das nicht der Fall war, wurde ihre „Must-Do-Liste“ mit jedem Sonnenuntergang länger.

Mit geschlossenen Augen und Schmerzen im Arm stemmte sie sich mühsam hoch und stapfte ins Bad. Morgens wusch sie sich immer mit kaltem Wasser, um die Müdigkeit zu vertreiben. Dabei hätte sie lieber geduscht.

Aber Ralf mochte es nicht, wenn sie zu oft duschte und den Wasserverbrauch unnötig potenzierte. Es reichte schon, dass die Kinder jeden zweiten Tag die Kosten der Nebenrechnung in die Höhe trieben.


Manchmal- viel zu selten, wie sie fand- stieg sie, wenn alle aus dem Haus waren, in die ansonsten völlig verwaiste Badewanne und ließ es sich gut gehen.

Wenn sie alleine war, bestand nicht die Gefahr, dass Ralf sie wegen des Wasserverbrauchs schalt, mit Blicken steinigte und den immer gleichen rhetorischen Fragen aussetzte: „Wie stellst du dir das vor?“ oder „Soll ich mein Auto verkaufen, nur damit du duschen kannst“.

Dann gestattete sie sich einen der wenigen kleinen Augenblicke, in denen sie gut zu sich selber war, lag stundenlag mit geschlossenen Augen in herrlich duftendem, warmen Wasser und träumte sich in ein anderes Leben.


Es gab auch Tage, da saß sie für eine kurze Zeit einfach nur da und tat nichts.

Eine halbe Stunde nichts. So ein Luxus!

Heute würde keine Zeit für Luxus sein. Der Tag war bis zur letzten Minute verplant.


Das Wasser erfrischte sie angenehm und vertrieb das letzte Quäntchen Schlaf aus ihren Gliedern. Leise schlich Ina in die Küche und bereitete das Frühstück für ihre Familie vor.

Das tat sie an 365 Tagen im Jahr.

Letztes Jahr wären es fast nur 364 Tage gewesen.

An Muttertag hatte sie darauf gehofft, dass die Kinder ihr vielleicht ein Frühstück bereiteten. So wie in anderen Familien auch. Sie war liegen geblieben, weil sie ihren Kindern, Kai und Bine, Zeit geben wollte, alles fertig zu machen. Sie hatte daran gedacht, dass es vielleicht sogar frische Brötchen und ein Frühstücksei geben würde. Und Maiglöckchen auf dem Tisch. Vielleicht.

Aber um 9.00 Uhr rief Ralf nach ihr und fragte, ob sie heute kein Frühstück machen wolle. Sie hätte doch jetzt wirklich lange genug geschlafen.

Damals war sie wütend aufgestanden.

Wütend auf ihre Familie und auf sich selber, weil sie mal wieder auf etwas gehofft hatte, was sowieso nicht eintreten würde.

Seit ihre Mutter gestorben war und ihre Familienmitglieder nicht mehr von ihr daran erinnert wurden, dass es einmal an Ina war, gefeiert zu werden, dachte niemand mehr an ihre Feste. Ihren letzten Geburtstag hatte sie mit sich selber gefeiert. Sie saß alleine am festlich gedeckten Kaffeetisch, trank Kaffee und aß den köstlichen selbstgebackenen Kuchen. Die Kinder waren lieber bei Freunden und ihr Mann befand sich auf irgendeiner Dienstreise.


Sie bereitete den Kaffee zu, stellte Tassen und Teller auf den Tisch. Marmelade, Brot und Margarine. Etwas anderes aßen sie zum Frühstück nicht. Jeden Tag dasselbe. Marmelade, Brot und Margarine.

Dann war es an der Zeit die Kinder zu wecken.

Beide setzten sich wenig später maulend an den Tisch.

„Guten Mooorgeen!“ begrüßte Ina lächelnd ihre pubertierenden Kinder, die nicht gewillt waren ein Wort mit ihr zu wechseln. Beide brummten etwas Unverständliches und ließen sich am Tisch nieder, um sich jeder ein Brot mit Erdbeermarmelade zu machen. „Was soll ich denn heute mal kochen?“ fragte Ina und sah beide erwartungsvoll an.


„Keine Ahnung. Mach doch was du willst!“ fauchte ihre Tochter sie an.

Mann, was nervte diese Alte sie! Ständig versuchte sie ein Pseudogespräch in Gang zu bringen. Und das auch noch am frühen Morgen. Sollte sie doch kochen, was sie wollte. Heute Mittag, wenn sie von der Schule kam, würde sie sie wieder mit den immer gleichen Fragen löchern. „Wie war´s?“ oder „War´s schön?“. Immer dasselbe. Genauso wie „Räum deine Schuhe weg!“ und „Hast du deine Hausaufgaben gemacht?“

Ihre Mutter musste nur den Mund aufmachen und sie war genervt.

Überhaupt wie sie aussah! Immer trug sie diese eine Jeans und ein T-Shirt.

Das war echt peinlich.

Andere Mütter machten sich schick.

Nur ihre Mutter sah immer aus wie eine Putzfrau.

Mit ihrem Vater, ja, da konnte sie sich schon eher blicken lassen! Ihre Freundinnen fanden ihn alle schick und witzig. Sie hätten ihn liebend gerne zum Vater gehabt.

Ina atmete hörbar laut aus und wandte sich mit derselben Frage an Kai, der noch halb zu schlafen schien. „Was fragst du mich so was? Du bist doch hier die Hausfrau“ meckerte er sie an, schob seinen Stuhl geräuschvoll zurück und machte sich auf den Weg nach draußen. Was interessierte es ihn, was sie kochen wollte. Er würde sich nach der Schule einen Döner kaufen und noch mit seinen Freunden abhängen, damit er möglichst spät nach Hause kam. So entging er regelmäßig irgendwelchen Garten- oder sonstigen Hilfsarbeiten. Sollte sie doch ihren Kram alleine machen.


Nachdem die Kinder gegangen waren, kam Ralf zum Frühstück und verschanzte sich hinter seiner Zeitung, während sie schon mit ihren täglichen Arbeiten begann.

Hatte sie bei den Kindern noch die Hoffnung, dass sie einmal mit ihr reden würden, so hatte sie den Glauben an Veränderung bei Ralf schon längst aufgegeben. Er redete schon seit Jahren nicht mehr mit ihr.

Sie tauschten nur noch Neuigkeiten aus oder besprachen Pläne, die er machte und alle anderen zu befolgen hatten.

Sie stand mit dem Rücken zu ihm an der Spülmaschine und hantierte lautstark mit Tellern und Besteck. Ralf blickte zu seiner Frau auf. „Musst du am frühen Morgen so´ne Randale machen?“ Ina entschuldigte sich nervös.

Er schüttelte den Kopf. Immer das Gleiche mit ihr. Sie nahm auf ihn nie Rücksicht. Es interessierte sie gar nicht mehr, was er tat oder dachte.

Aber was machte das schon? Mit ihr konnte man sowieso nicht reden.

Und wenn man es tat, hörte sie kaum zu. Dann wollte sie ihm ständig etwas von ihren Problemen mit der Schulter erzählen.

Vor kurzem hatte er eine Rechnung von einer Physiotherapie Praxis erhalten.

Die wollten 75 Euro Zuzahlung von ihm für die Therapie, die sie dort erhalten hatte. Damals hatte er getobt! Das musste sie schön selber zahlen. Als ob er da auch noch groß investierte! Wenn die Therapien, die die Kasse bezahlte nichts halfen, musste sie eben mit den Schmerzen leben. Oder Schmerzmittel schlucken.

Außerdem verdiente sie doch selber Geld.

Warum zahlte sie dann nicht solche Dinge gleich selber und legte ihm erst die Rechnung vor?

Ihre Schmerzen waren sowieso nur Einbildung. Das hatte doch auch der Arzt gemeint.


Ralf stand auf, ließ die Zeitung auf dem Tisch liegen und ging in den Flur zur Garderobe, um sich fertig zu machen. Auf der Arbeit fände er adäquatere Gesprächspartner, die mit ihm mithalten und diskutieren konnten.

Er betrachtete sich im mannshohen Spiegel.

Zupfte hier am Hemdkragen und schnipste dort eine Fluse weg.

Gut gehalten hatte er sich! Das musste ihm erstmal jemand nachmachen.


Ina stand in der Tür zur Küche und gähnte verhalten.

Ralf trug ein neues Hemd zu einer Jeans, die sie noch nie an ihm gesehen hatte.

Sie würde sich auch gerne ab und an etwas Neues gönnen. Aber dazu fehlten ihr die Mittel. Mit dem Geld, das sie verdiente, stockte sie das Haushaltsgeld auf, das sonst vorne und hinten nicht reichte. Für sie blieb da wenig übrig. Und dieses Wenige sparte sie eisern! Wieder unterdrückte sie ein Gähnen.


Das machte ihn wahnsinnig! Ständig tat sie so, als wäre sie überarbeitet!

Sie hatte doch nur den Haushalt, die Kinder und ihren Job. Gut, um den Garten kümmerte er sich nicht.

Aber schließlich verdiente er das Geld.

Schuftete mindestens acht Stunden jeden Tag für die Familie.

Das reichte ja wohl!

Irgendwann musste er ja auch mal ausspannen.


Er drehte sich vor ihr und breitete die Arme aus. „Na?“, fragte er und hob die Augenbrauen. Sie lächelte, kam auf ihn zu und gab ihm einen Kuss auf den Mund.

„Gut siehst du aus. Hab ich noch gar nicht gesehen an dir! Schick!“

Sie lächelte wieder und kam sich alt und hässlich neben ihm vor.

Tränen drohten sich einzustellen.

Doch Ralf war schon zur Tür hinaus, bevor sich der erste Tropfen über ihre Wange stahl.


Da stand sie nun mitten im Flur und bewegte sich nicht.

Sie stand da, während sich die Welt um sie herum bewegte und lebte.

Nur sie stand da. Bewegungslos.


Sie dachte daran, dass sie früher einmal hübsch gewesen war.

Das war, als sie noch ihr eigenes Geld als Dolmetscherin verdient hatte.

Die Männer drehten sich nach ihr um und pfiffen ihr manches Mal hinterher. Heute verließ sie nur noch zum Einkaufen oder zum Putzen im „Roma“ das Haus.

Eine Strähne ihres Haares fiel ihr ins Gesicht, und während sie sie hinter das Ohr klemmte, drehte sie sich zum Spiegel.

„Was ist nur aus dir geworden?“

Bevor das Spiegelbild ihre Frage allzu eindeutig beantworten konnte, drehte sie sich weg und räumte die Küche auf.

Das Wohnzimmer. Schlafzimmer. Die Kinderzimmer. Arbeitszimmer. Saugen. Staubwischen. Bad und Gäste-WC putzen. Zwischendurch Wäsche waschen und aufhängen.

Das Ausschlagen der Wäsche bereitete ihr besonders starke Schmerzen.

Wie Nadelstiche oder elektrische Schläge fuhr es ihr in den Arm.

Oft fasste sie sich an die Schulter und massierte das Gelenk.

Aber die Wäsche musste ausgeschlagen werden, sonst ließ sie sich nur schwer bügeln und blieb knitterig.

Das bedeutete noch mehr Schmerz.

Der Wäschetrockner stand unbenutzt im Hauswirtschaftsraum.

Er fraß zu viel Strom und war somit zu kostspielig.

Am frühen Vormittag nahm sie die ersten Schmerzmittel.

Sie musste durchhalten!


Bei all der Arbeit befand sich ihr Verstand im Leerlauf.

Keine Gedanken, keine Gefühle kamen ihr bei dem, was sie tat in die Quere.

Völlige Leere.

Manchmal hätte sie gerne eine Pause gemacht.

Vor allem immer dann, wenn die Schulter besonders schmerzte.

Kurz vor Mittag schluckte sie die nächsten Schmerztabletten, damit sie den Tag überhaupt noch einigermaßen überstand.


Ihre Schulter verwandelte sich in Stein.

Die Physiotherapeutin, die sie behandelt hatte, hatte sie gefragt, welche Last auf ihrer Schulter ruhte. Da hatte sie angefangen zu weinen.


Und vor ein paar Monaten hatte sie einen Gutschein für eine besondere Art der Massage eingelöst, den sie einmal von Bekannten geschenkt bekommen hatte.

Ihr fiel der Name beim besten Willen nicht mehr ein. Manchmal war die Leere in ihrem Kopf wirklich genauso erschreckend und unerträglich wie ihre Schmerzen.

Damals massierte sie ein Mann.

Er war sehr freundlich und ruhig.

Eine Wohltat.

Zum Schluss der Massage legte er seine Hände auf ihre Wangen.

Einfach nur so. Ganz sanft und leicht.

Mit dieser kleinen und so mächtigen Geste sprengte er den Damm, der ihre Tränen zurückhielt. Sturzbachartig überfluteten sie ihr Gesicht und ihre Seele. Wuschen ihre Leere fort und ließen sie all ihre Sehnsucht nach ein bisschen Zärtlichkeit oder Achtsamkeit spüren.


Ob sie sich fünf Minuten hinlegen sollte?

Sie schloss die Augen für einen kurzen Moment und strich sich gedankenverloren über das verschwitzte Gesicht.

Nur fünf Minuten. Das wäre doch nicht zu viel.

Vielleicht half das?

Sie schaltete den Herd ab und ließ die Kartoffeln darauf stehen.

Die Hähnchenschenkel im Backofen würden warm bleiben bis die Kinder von der Schule kamen.


Mühsam stieg sie die Treppe nach oben ins Schlafzimmer.

Sie zog sich mit der linken Hand hoch.

Schritt für Schritt.

Gebeugt.

Nicht rechts!

Nur nicht den rechten Arm benutzen!


Oben angekommen, verschnaufte Ina kurz und entschloss sich einen Blick auf ihr kleines Geheimnis zu werfen.

Das würde ihr gut tun!

Sie sparte schon seit Monaten für ein Kleid, das sie in dem Katalog eines Versandhauses entdeckt hatte. Bald hatte sie das Geld zusammen und würde es sich schicken lassen. Ralf konnte unmöglich etwas dagegen haben. Schließlich hatte sie nur diese eine Jeans, die sie immer abends waschen musste, in der Hoffnung, dass sie morgens wieder trocken war und sie sie tragen konnte. Manchmal war sie noch etwas feucht. Das war unangenehm. Besonders im Winter. Für den Sommer wünschte sie sich dieses Kleid aus dem Katalog. Es war wunderschön und würde ihr bestimmt sehr gut stehen.


Voller Erwartung öffnete sie ihren Kleiderschrank und hob ihre T-Shirts an, um an das darunter versteckte Geld zu gelangen. Das war nicht besonders schwierig, weil sie nur vier Shirts besaß. Sie schaute sich ihren Schatz gerne an, wenn sie alleine war. Zählte das Geld und lächelte vor lauter Vorfreude auf das Kleid, das sie bald tragen würde.


Vor zwei Tagen erst hatte sie es noch betrachtet. 90 Euro. Nächsten Monat würde sie sich ihren Wunsch erfüllen können.

Sie schob ihre rechte Hand unter den Stapel der Shirts, als ein Schmerz sie durchzuckte. Sie hielt es kaum aus, den Arm so hoch zu heben.

Tastend bewegten sich ihre Finger über die glatte Holzfläche des Schrankes, irrten blind auf der Suche nach ihrem Besitz hin und her. Wurden nicht fündig. Das Geld musste da sein! Sie stolperte ins Bad, packte den Stuhl, der dort stand, und trug ihn ungeachtet ihrer immer stärker verhärtenden Muskulatur ins Schlafzimmer. Sie stieg darauf, um den Regalboden ihres Schrankes besser absuchen zu können.


Kein Geld! Vielleicht hatte sie das Geld zwischen ihre T-Shirts gelegt.

Hastig warf sie ein Kleidungsstück nach dem nächsten auf das Bett.

Mit jedem Wurf stieg ihre Wut.

Da war nichts mehr.

Das Geld war weg!

Sie wanderte voller Verzweiflung im Schlafzimmer auf und ab.

Mit jedem Schritt wich die Leere in ihr einer unbändigen Wut.

Wut darüber, dass man ihr nun auch noch das Wenige nahm, was sie sich zugestand. Wut darüber, dass sie sich selbst so wenig zugestand.

Wut!

Sie tobte atemlos.

Weinte.


Als die Kinder endlich von der Schule zurückkamen, sprach sie kein Wort.

Ihr Gesicht war ausdruckslos. Steinhart wie ihre Schulter.

Es gab nur einen einzigen klaren Befehl.

So klar wie noch nie.

„Ich sehe euch um 19.00 Uhr hier am Tisch! Keine Sekunde später.“


Dann ging sie und meldete sich krank.

Kein Tellerwaschen für heute in der Pizzeria.

Kein Pizzagestank in den Haaren, der sich nicht mehr rauswaschen ließ.

Heute nicht. Vielleicht nie mehr.


Dann schlief sie im Gästezimmer und wachte herrlich erfrischt auf.

Als sie duschte, hörte sie Ralf herumzetern.

„Wer duscht denn da schon wieder?“


In der Küche wartete ihre Familie darauf, dass sie ihnen das Abendessen servierte.

„Musstest du schon wieder duschen?“ fragte Ralf seine Frau wütend.

Sie ignorierte ihn und befahl allen, sich zu setzen.

„Was…“ begann Ralf.

Doch Ina schnitt ihm scharf das Wort ab.

„Halt. Den. Mund! Sei. Still!“

Alle schauten sie überrascht an. Niemand verstand, was in sie gefahren war und was sie vorhatte.


„Wer von euch hat mir mein Geld geklaut? Wütend funkelte sie alle an.

„Welches Geld?“ fragten die Kinder unisono erstaunt.

„90 Euro. Aus meinem Schrank!“

Sie schaute alle der Reihe nach an.

„Das Geld, für das ich so hart arbeiten muss. Für das ich mir den Rücken und die Finger krumm schufte. Geld, mit dem ich euch die zwanzigste Hose und das zehnte Paar Chucks kaufe, während ich nur eine einzige Jeans besitze. WER?“ brüllte sie und schlug mit der Hand auf den Tisch.

„WER?“

„Das Geld, das unter Deinen T-Shirts lag?“ fragte Ralf.

„Du hast es?“ rief sie, „Du?“

Er zuckte mit den Schultern und breitete die Hände aus wie die Christus-Statue von Rio.

„Morgen liegt das Geld hier auf dem Tisch! Hast…“

„Schrei mich nicht so an!“

„Glaubst du, dass du das alleinige Vorrecht dazu hast?“ lächelte sie, schnappte sich die Autoschlüssel und ging zur Tür.

„Du wirst nicht mit dem Auto fahren!“ Ralf war inzwischen aufgestanden.

Was war bloß mit dieser Frau los?

„Denk dran! Ich will das Geld morgen auf dem Tisch liegen sehen. Falls du noch zur Bank musst, fahr mit dem Fahrrad. Ich kann das. Dann kannst du das schon lange!“

„Aber ich hab Hunger, Mama!“, sagte Bine verzweifelt.

„Ich auch, mein Kind! Deshalb geh ich jetzt essen!“

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