• Klaudia Göddertz-Frechen

Zeit




Wenn zwei Kinder gleichzeitig um- bzw. ausziehen, tobt ein Orkan durchs Haus und die Gemüter. Der Sohn zieht aus dem Haus in die Unistadt und die Tochter, aus ihrer 250 km entfernten Wohnung in eine WG an der Küste. Da finden Kämpfe um Autos und Tragehilfen, Lampenmonteure und Putzhilfen statt.

Am Ende sitze ich ziemlich atemlos auf dem Sofa im Wohnzimmer und strecke alle Viere von mir, während meine Gedanken sich immer noch in rasender Schnelle um Mietkautionen, Kindergeldkasse und Putzmittel drehen. Sie wollen einfach nicht zur Ruhe kommen, sind sie doch an die Rennerei so gewöhnt.


All dies laute Getöse verhindert, dass ich den Einzug einer neuen Mitbewohnerin bemerke.

Sie schleicht sich still und leise herein und lässt sich mir gegenüber auf dem Sofa nieder.

Sie ist da.

Einfach so da.

Die Zeit.

Sie überfährt mich mit ihrem plötzlich so unerwarteten Dasein, haut mich um, lässt sich nicht vertreiben. Bleibt.


Jahrzehnte lang lebte ich mit der Sehnsucht, dass genau das einmal passieren würde. Dass Zeit da sein würde. Ich wünschte mir, Zeit für so viele Dinge zu haben, vor allem aber einmal für mich – ein Traum.

Aber da waren die vier Kinder, die es zu begleiten galt und der Job, der zu erledigen war.

Ich hetzte von morgens bis abends durch den Tag: Kinder, Haushalt, Wäsche, Job, Kochen, Garten, Einkaufen, Arztbesuche, Familienleben, Kindergarten, Schule, Eheleben, Seelentrösterin, Chauffeurin, Handwerkerin, Nachhilfelehrerin.

Jeden Tag. Ein Wochenende gab es nicht.

Wenn alle anderen ausschliefen, Ferien oder Urlaub hatten, stand ich weiterhin um 6.00 Uhr auf und tat das, was ich immer tat. Schließlich sollte um 12.00 Uhr das Essen auf dem Tisch stehen und am Montag die Wäsche gebügelt sein.

Verrückt?


Ja. Ohne Frage.


Aber nun ist sie da, die Zeit.

Mit dem Auszug des letzten Kindes in die weite Welt der Universitäten ist sie schlagartig da. Sie zieht einfach bei mir ein - genug Platz ist ja jetzt - macht es sich gemütlich und legt die Beine hoch, dreht Däumchen.

Na, was machen wir beide jetzt? Fragt sie und schaut mich erwartungsvoll an.

Ja, was machen wir beide jetzt? Die Zeit und ich.

Mit 60 - fast 61 - lasse ich mich viel später als viele andere Mütter von der Zeit überrumpeln. Die anderen, die Jüngeren, haben schnell eine Lösung für ihr Zeitdilemma parat, indem sie sich wieder in den Job stürzen und sich auf diese Weise selbst vor einer Sturmflut der Zeit retten.

Einen Job hatte ich sowieso schon immer nebenbei. In den möchte ich mich nicht noch mehr hineinstürzen. Ich könnte jetzt das Haus renovieren und den Garten ummodeln. Das lässt Gott sei Dank mein lädiertes Knie nicht zu, so dass ich mich irgendwie mit den Stunden, Minuten und Sekunden, die nun darauf warten erlebt zu werden, anfreunden muss.


Natürlich geschieht der Einzug der Zeit nicht unerwartet. Man hätte es vorausahnen oder sich auch darauf vorbereiten können. Aber wie hätte ich das denn tun sollen, in Anbetracht der Tatsache, dass sie – die Zeit – früher ein eher selten gesehener Gast war?

Dazu fehlte mir einfach die Muße.


So sitzen nun sie und ich einander gegenüber und werden nur langsam Freunde. Wir müssen uns aneinander gewöhnen. Noch sind wir uns fremd. Kennen einander noch nicht. Sind misstrauisch. Was und wie wird DAS wohl werden?


Aber ich bin mir sicher, dass wir einander mögen werden.

Ich werde sie nicht totschlagen.

Nein, ich werde sie genießen.


Ich werde, wie Angela Merkel sich das auch wünschte, erst einmal ausschlafen. So meine Vorstellung. Das ist schon mal ein guter Anfang!

Schließlich habe ich Jahrzehnte davon geträumt einmal bis 9.00 Uhr zu schlafen und völlig ausgeruht aufzustehen.

Aber neuerdings bin ich oft schon um 4.30 Uhr wach und ausgeruht.

Hier müssen die neue Mitbewohnerin und ich wohl noch etwas am Management arbeiten.


Jetzt gewöhnen wir uns erst einmal aneinander, um dann gemeinsam auf eine spannende Reise zu gehen. Wir setzen die Segel und entdecken neue bzw. vergessene Gefilde, um dort zu verweilen, so dass ich mich zu dem entfalten kann, was ich schon immer war, aber nicht sein konnte oder wollte.

Vielleicht entsteht auch etwas ganz Neues.

Wer weiß?

Ich freue mich drauf.

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